Die Computerindustrie hat ihr grünes Gewissen entdeckt

09. Dezember 2015

Zwei Begriffe, die mehr oder weniger bewusst unseren modernen Alltag beherrschen – zum einen die digitale Welt mit dem Gebrauch von PCs, Tablets, Laptops und Smartphones und zum anderen die immer stärkere Ausrichtung unseres Alltags auf das Thema Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. Doch wie lassen sich diese beiden Begriffe verbinden? Das Zauberwort lautet Green IT, das für Ansätze zur umwelt- und ressourcenschonenden Herstellung und Verwendung von Informationstechnik steht. Klingt einfach, doch was steckt dahinter?

Hoher Energieaufwand, schädliche Substanzen in der Computerproduktion

Wer sich schon einmal mit der tatsächlichen Produktion von Computern beschäftigt hat, der weiß, dass es dazu nicht nur einen außerordentlich hohen Energieaufwand braucht, sondern dass auch eine breite Palette von schadstoffhaltigen Substanzen und Verbundstoffen zum Einsatz kommt. Dadurch, dass sich immer mehr Menschen immer öfter und in kürzeren Abständen einen neuen PC oder ein neues Handy kaufen, wird dieser Umstand der schädlichen Wirkung auf die Umwelt noch verschärft.

Für die Herstellung eines neuen PCs mit Monitor braucht es rund 2790 kWh Energie, womit knapp 850 Kilogramm Treibhausgase freigesetzt werden. Zugleich bedarf es 1500 Liter Wasser und rund 23 Kilogramm unterschiedlicher Chemikalien zur Herstellung, so gibt das Umweltbundesamt in einer Anfrage Auskunft. Und genau dieser Bedarf steigt ständig an, wobei vor allem der PC-Bedarf in privaten Haushalten stark im Steigen ist. Nach Selbsteinschätzung vieler deutscher Onlineuser, ist der Großteil davon täglich im Durchschnitt immerhin zwei Stunden im Internet unterwegs. Bei rund 43 Millionen Nutzern deutschlandweit, die jeweils zwei Stunden täglich online sind, ergibt sich somit eine Onlinezeit von 31.390.000.000 Stunden. Damit ist klar, dass nicht nur die Produktion enorme Energiekosten mit sich bringt, sondern auch der anschließende Gebrauch in den Haushalten.

Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten

Ob die Green IT nun tatsächlich einen Technikvorschub leistet oder eher eine Marketingidee findiger Unternehmen ist, bleibt dahin gestellt. Klar ist, dass die Produktion einzelner Hardwarekomponenten meist für private Anwender erfolgt. Auch der Betrieb des Internets erfolgt zum überwiegenden Teil für den privaten Bereich. Doch jeder Verbraucher kann sich für „grüne IT“ einsetzen und zwar wie folgt:

  • Energiesparender Umgang mit privater IT
  • Maßnahmen zur Reduzierung des Stromverbrauchs
  • Einsatz umweltfreundlicherer Technik
  • Einsatz von weniger oder effizienterer Technik
  • Förderung effizienterer Anbieter im Internet
  • Entscheidung und Unterstützung der besseren Anbieter

Auch online gibt es den einen oder anderen Shop, der sich für ein möglichst klimaneutrales Betreiben entscheidet. Die Druckerei nutzt dafür einen Partner, der alle CO2-Emissionen mithilfe eines zertifizierten Klimaschutzprojektes ausgleicht. Auch hier können und sollten Verbraucher darauf achten, diese und ähnliche Projekte zu unterstützen, um die entstandenen Energiekosten und CO2-Emissionen, die durch Server, Netzwerktechnik und Klimaanlagen entstehen – und zwangsläufig notwendig sind –, zumindest so gut wie möglich zu kompensieren.

Fairtrade bei der Computerproduktion – ist das möglich?

Geht es um das Thematik des bewussten Einkaufens von Produkten, steht damit das Schlagwort Fairtrade in Verbindung und so manch ein Konsument stellt sich die Frage, ob es das auch für die Computerbranche gibt. Die Antwortet lautet wenig ermutigend „eher nein“ und der Grund dafür ist einfach erklärt. Denn es gibt zahlreiche Hintergründe, die zur Produktion von Computern und Bildschirmen sowie den ganzen Zulieferfirmen für diese Teile bisher kaum bekannt sind. Immer wieder gibt es allerdings Berichte in den Medien, die über Menschenrechtsverletzungen in der Produktion oder über entsprechende Umweltzerstörungen berichten. Auch schlechte Arbeitsbedingungen, massiver Rohstoffabbau von Zinn, Kupfer oder Coltan und Erdöl sind ein Thema und gehören gerade in dieser Branche zur Realität.
Auch die Lieferkette, bis die ganzen Komponenten bzw. der komplette Rechner oder Bildschirm in den deutschen Läden zu finden ist, ist wenig überschaubar bzw. nicht transparent. Damit besteht auch kein effektiver Nachweis über faire Arbeitsbedingungen, wie man sie aus anderen Bereichen kennt, zum Beispiel

  • bestimmte Zertifikate
  • Gütesiegel
  • Einheitliche Standards

die für die komplette IT- und Unterhaltungsindustrie gültig sind.

Um dies zu ändern – und zwar nachhaltig – müssen Hersteller und Kunden an einem Strang ziehen. Immerhin zeigt eine Studie des Fraunhofer Institutes, dass Green IT von Unternehmen zu 88 Prozent zur Imagesteigerung

  • zu 84 Prozent aus Gründen der Kostenersparnis und
  • zu 82 Prozent aus Gründen des Umweltaspekts

umgesetzt wird. Gerade den Faktor der Imagesteigerung können sich Kunden zu Nutzen machen und vermehrt IT-Produkte bei diesen Unternehmen kaufen. So leisten sie indirekt einen wichtigen Beitrag dafür, dass ein Umdenken in der gesamten Branche stattfindet.  

Neben der privaten Bewusstseinsbildung erfolgt auch in größeren Unternehmen ein Umdenken und ein Zugriff auf die Green IT. So wird etwa vermehrt bei der Errichtung neuer Rechenzentren auf klassische Kühlmittel verzichtet und diese durch vorhandene Außenluft ersetzt. So können der Stromverbrauch und der CO2-Ausstoß erheblich reduziert werden. Und damit kann bares Geld gespart werden, denn laut Ökobusiness Plan Wien kann jedes eingesparte Kilowatt im Dauerbetrieb immerhin 1000 Euro pro Jahr einbringen.

Fairtrade Computer – kaum vorhanden

Wer als Konsument seine elektronischen Geräte derzeit bei einem nachhaltig produzierenden Hersteller kaufen möchte, tut sich schwer. Die Rohstoffe kommen weitgehend aus Kongos Minen und werden in chinesischen Fabriken zusammengestellt. Dies gilt sowohl für PCs, Laptops als auch Handys und Smartphones. Da der Preis im Wettbewerb immer wichtiger wird, werden sich sowohl die Abbaubedingungen in Kongos Erzminen als auch die Arbeitsbedingungen in den Herstellerbetrieben in naher Zukunft kaum ändern, äußerst sich Sebastian Jekutsch vom Forum Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. Im Unterschied zu fairem Kaffeeanbau oder Orangenplantagen wird in elektronischen Komponenten meist mehr als ein Rohstoff verbaut. Damit sind die Zulieferfirmen sowohl in ihrer Anzahl  aus auch in ihrer Qualität nahezu unkontrollierbar.

Jekutsch sieht aber erste Anzeichen für ein Umdenken der Branche. Immerhin engagieren sich weltweit neben Greenpeace auch andere Initiativen für fairen Abbau und die Einhaltung der Rechte der Arbeiter in den Zulieferbetrieben. Mit zunehmendem öffentlichen Druck gibt es nun sogar erste Denkansätze großer Hersteller wie Apple oder Samsung und Microsoft. Weitere Details verrät Jekutsch in einem Interview mit fuereinebesserewelt.info.

Eine besondere Kampagne gibt es dazu aus den Niederlanden. Hier hat sich die Iniative Fairphone, die sich in Amsterdam zusammengefunden hat, dazu entschlossen 10.000 Handys aus Komponenten zu bauen, die unter komplett konfliktfreien und fairen Bedingungen hergestellt wurden. Dazu wird zum Beispiel Zinn aus dem Kongo verwendet, das aus Bergwerken stammt, in denen die Bergarbeiter unter menschenwürdigen Bedingungen und zu entsprechenden Löhnen arbeiten können. Die Initiative sieht sich selbst als Zwischenhändler, um zu gewährleisten, dass die Arbeiter auch tatsächlich höhere Löhne erhalten.

Wer den Überblick behalten möchte, welche Hersteller faire Geräte im Angebot haben, sollte sich an die unterschiedlichen Ranking-Organisationen wenden. Unter anderem veröffentlicht Greenpeace eine Liste mit Herstellern von Hardware aus konfliktfreien Rohstoffen. Topgelistet ist hier etwa die Firma Wipro aus Indien. Die Organisation Enough sieht Intel an erster Stelle und führt auch die Unternehmen HP und Sandisk auf diesem Platz. Die Elektronikriesen Microsoft und Apple landen dagegen nur im Mittelfeld.

Elektronikschrott entsorgen als Teil von Green IT

Laut Bitkom gibt es derzeit in Deutschland insgesamt 86 Millionen ungenutzter Handys. Dazu kommen 20 Millionen alter oder ausrangierter Computer, bei deren Rechnern immerhin noch 80 Prozent der Materialien wieder verwendet werden könnten. Klar sind die verbauten Rohstoffmengen pro Gerät verschwindend gering, doch bei Abermillionen von Endgeräten kommt da schon ein gewaltiger Berg an Rohstoffen zusammen.  Könnten diese weiterverwendet werden, könnten Ressourcen geschont und die Umwelt entsprechend geschützt werden.

Doch seinen alten PC brav zur Sammelstelle bringen, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn eine Studie von Interpol zeigt, dass in ganz Europa nur ein Drittel der Altgeräte dort landet wo sie auch hinkommen sollen. 9,5 Millionen Tonnen elektrischer und elektronischer Geräte landen europaweit jährlich im Müll. Laut Elektro- und Elektronik-Altgeräte-Richtlinie, kurz WEEE-Richtlinie, sollen Elektroschrott und noch funktionsfähige Geräte gesammelt und fachgerecht entsorgt oder aber recycelt werden. Verantwortlich dafür sind die EU-Mitglieder selbst, doch das scheint nicht richtig zu klappen, wie eine aufwändige Studie von zwei UNO-Institutionen jetzt gezeigt hat.

Demnach landen nur knapp ein Drittel, also 3,3 Millionen Tonnen der Altgeräte in den offiziellen Sammel- und Recyclingeinrichtungen. Der Rest wird anders entsorgt, unter anderem in andere Länder exportiert. Der Großteil dürfte in afrikanische Staaten wie Ghana oder Nigeria gehen. Dort sind ganze Regionen, vor allem die ärmlichen, mit Bergen von hochgiftigen Computern, Fernsehgeräten oder Kühlgeräten verseucht. Und das hat katastrophale Folgen für die Umwelt, das Klima und nicht zuletzt für die Gesundheit der Menschen vor Ort.

Wertvolle Rohstoffe machen alte Computer interessant

Die Studie hat aber auch gezeigt, dass insgesamt mehr als 4,5 Millionen Tonnen innerhalb der EU quasi verschoben werden. Der Grund liegt auf der Hand, denn die Geräte beinhalten oft wertvolle Rohstoffe, womit sie sogar für organisierte Verbrechen zur Verschiebung von Elektroschrott interessant werden. Hier liegt ein enormer finanzieller Schaden der betroffenen Staaten vor, der aber auch zweifelhafte Vorteile für die entsprechenden Firmen aufzeigt. Denn diese „ersparen“ sich bis zu 600 Millionen Euro Entsorgungskosten. Der Projektkoordinator der Interpol David Higgins geht soweit, „den Handel mit Elektroschrott als eine hoch profitable Aktivität mit geringem Risiko“ zu bezeichnen. Die Strafen sind viel zu niedrig angesetzt, um abschreckend zu wirken, zudem haben ein Drittel der EU-Staaten die neue Vorgabe der WEEE-Richtlinie noch gar nicht umgesetzt.

Damit bleibt der Konsument in seinem Anliegen unbefriedigt zurück. Denn mehr als den ausrangierten Computer oder das Handy zur zertifizierten Sammelstelle zu bringen, kann er nicht tun. Der Rest liegt in der sozialen und nachhaltigen Verantwortung der entsprechenden Firmen und Konzerne. Damit ist klar, dass hier ein globales Umdenken erfolgen muss, allein der Begriff der Green IT auf den Bannern ist zu wenig und wird dem Anspruch modernen sauberen Gewissens nicht gerecht.

Bild 1: 95447916 - Server – Blue © Weissblick
Bild 2: 34575483 - green-it / Freisteller / Isolated © D. Heuer
Bild 3: 38812225 – Elektroschrott © Eisenhans
Bild 4: 92467367 - Copper wire © salita2010

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