Unschärfe als Stilmittel

24. August 2012

Es geht hier nicht um Sachfotografie oder Dokumentationen, mit der Unschärfe bewegen wir uns vielmehr auf die künstlerische Fotografie zu. Nicht nur die Unschärfe in ihren verschiedenen Formen, sondern auch gezielte Überbelichtung und Grobkörnigkeit gehören zu diesem Thema. Auch geht es nicht um solche Fotos, die leider verwackelt oder auf andere Weise unscharf geworden sind. Es geht um die gezielte manuelle Fokussierung und die damit ausgewählte individuelle Schärfe oder eben Unschärfe eines Fotos, um die bewusste Überblendung oder Bearbeitung mit Filmkorn und um die Bildwirkung zu verstärken.

Unschärfe – Eine Modeerscheinung?

Schon in dem 2002 erschienenem Buch „Die Geschichte der Unschärfe“ berichtet Wolfgang Ullrich über das vermehrte Erscheinen unscharfer Fotos, besonders in der Werbung, aber auch bei Schnappschüssen mit Überwachungskameras oder von Paparazzi, die für horrende Summen in der Yellow Press gehandelt werden. Fünf Jahre später ist dieser Trend noch immer ungebrochen. Und nicht nur das ist ein Zeichen, Unschärfe nicht als Modeerscheinung abzutun.

Bereits im 19. Jahrhundert wurde in der Fotografie Unschärfe als Stilmittel eingesetzt. Es wurde vor allem zur plastischen Darstellung von Ideologien verwendet: Weichzeichnungen wollten die Romantik zurückholen und die Abstraktion mittels der Unschärfe sollte die Fotografie zur Kunst führen. Damals wie heute wurde die Unschärfe hitzig und kontrovers diskutiert.

Doch die Unschärfe ist keine Erfindung der Fotografie. Der wohl berühmteste Vertreter der Romantik, Caspar David Friedrich, hat insbesondere mit seinen Landschaften eine Bresche für die fehlende Schärfe geschlagen, für die emotionale Wirkung von Bildern im Gegensatz zu fotorealistischen Darstellungen. In vielen seiner Bilder lösen sich Farben und Elemente auf. Seine Bilder werden oft als melancholisch interpretiert: Seine Gedanken kreisten oft um das Sein, Vergehen und Werden.

Auch der Brite William Turner, ebenfalls ein Vertreter der Romantik, bedient sich in seinen Gemälden der Unschärfe, oft gepaart mit einer starken Wirkung von Licht und Farben. Die Fotografie hat also nicht das Rad neu erfunden, sondern greift wie so oft, Mittel der Malerei auf und macht sie sich zu eigen.

Das Spannende an der digitalen Fotografie in Bezug auf die Stilmittel der Unschärfe ist, dass sich die Ausdrucksformen beliebig miteinander kombinieren lassen und auch in der anschließenden Post Production weitere Elemente hinzugefügt werden können. Also halten wir fest, dass die Unschärfe keine Modeerscheinung ist, sondern bereits seit Langem in Malerei und Fotografie zu Hause ist, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg beim Publikum.

Die bewusste manuelle Fokussierung

Probieren Sie es einfach einmal selber aus: Schalten Sie, sofern möglich, den Autofokus Ihrer Kamera ab, stellen Sie das Objektiv auf manuelle Fokussierung und spielen Sie mit der Schärfe des Fotos, das Sie gerade vor der Linse haben. Sie werden erstaunt sein, wie sehr das Ihre Sichtweise verändert.

Nein, wir möchten nicht, dass Sie jetzt nur noch unscharfe Fotos machen. Aber bei dem einen oder anderen Motiv lohnt sich dieser Versuch auf jeden Fall, denn er eröffnet Ihnen eine komplett neue Fotowelt. Es lässt sich nicht pauschal sagen, welche Motive sich besonders gut eignen. Diese bewusst fehlfokussierten Fotos ziehen sich durch alle Genres der Fotografie: Architektur, Landschaft, People – alles geht hier. Die Entscheidung liegt alleine bei Ihnen. Oft ist es eine Eingebung des Augenblicks oder eine Emotion, die mit dem Foto ausgedrückt werden soll.

Wenn Sie Fotografen befragen, die sich des Stilmittels der Unschärfe bedienen, werden Sie ganz unterschiedliche Auffassungen zu hören bekommen.

Alle Erklärungen verdichten sich zu 4 Hauptpunkten:

  • Verdichtung des Bildeindrucks
  • Blick in Zauber- oder Traumwelten
  • Konzentration auf das Wesentliche
  • Impressionismus oder auch Nähe zur Kunst

Der Fotograf Till Leeser hat dazu in einem Interview seine Gedanken formuliert, die wir gerne als Beispiel wiedergeben möchten. Er vertritt die Ansicht, dass die Unschärfe den Blick des Betrachters nach innen lenken soll. Er siedelt seine Bilder über das Unvorstellbare bewusst in einem „Zwischenraum“ an und fordert dabei mit seinem Verzicht auf Eindeutigkeit dazu auf, die Leerstellen mit eigenen Bildern, Erinnerungen und Emotionen zu füllen.

Leesers Serie „Displaced Memories“ ist ein Fotoprojekt, das zwischen 2002 und 2004 in Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager entstanden ist. „Die Unschärfe ist ein Vorzeichen des Verschwindens“, schreibt der Fotograf selbst. Sie provoziere die Fantasie, das Unvollständige zu vervollkommnen. „Eine Mauer ist nicht mehr nur eine Mauer, sondern auch das, was sie verdeckt, einsperrt, abwehrt oder verhindert.“ Dadurch, dass der Betrachter nicht mehr von der Realität des Abgebildeten vereinnahmt werde, eröffne sich ihm das, was nicht abgebildet ist.

Dies wiederum kommt dem Wesentlichen aus Sicht des Künstlers offenbar näher als die Schärfe: „Da kein Bild einer Erinnerung dem Erlebnis, an das sich die Erinnerung knüpft, entspricht, kommt die Unschärfe diesem am nächsten. Sie ist eine Balance zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, sie ist Ausdruck von Unzufriedenheit und dem Verlangen, anderes zu sehen als üblicherweise.“ In ihm, so Till Leeser über sein eigenes Empfinden, habe der Besuch der ehemaligen Konzentrationslager immer ein Gefühl von Trauer ausgelöst. „Ich hatte das Gefühl, etwas verloren, vergessen, versäumt zu haben. Es entstand eine beunruhigende Verschwommenheit.“

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